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Begegnungen zwischen Religionen finden nicht zwischen abstrakten Größen und monolithischem Blöcken „Christentum“ und „Islam“ statt, sondern zwischen Menschen, die diese Religionen in ihrem Alltag vielschichtig und widersprüchlich auf ihre je eigene, unverwechselbare Art und Weise leben. Wer Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen wahrnehmen will, muss ihnen begegnen. Er muss sich zu ihren Lebensorten und Lebensräumen aufmachen, muss sie dort erleben und versuchen ihr Lebensgefühl zu verstehen und ihren Deutungen des Lebens nachzuspüren.

Interreligiöse Lernprozesse werden in der Regel dominiert von theologischen Reflexionen zu den großen Themen von Dogmatik und Ethik und von traditionell theologischen Fragestellungen: nach den abrahamitischen Wurzeln von Juden, Christen und Muslimen, nach Allah und der Trinität, nach dem Stellenwert der Bibel und des Koran, nach der Bedeutung Mohammeds und Jesu, nach dem Verhältnis von Prophetie und Offenbarung, nach dem Menschenbild, nach Frieden und „Heiligem Krieg“, nach Gerechtigkeit und nach der Verantwortung für die Schöpfung.

Gemeinsames Lernen wird oft reduziert auf religiöse Traditionsbildungen in den Schwellen- und Grenzsituationen des Lebens: Geburt, Taufe und Beschneidung; Hochzeit und Ehe; Krankheit, Sterben und Tod. Oder es beschränkt sich auf besondere religiöse Riten und Feiern, auf das Fest und das Heilige, auf religiöse Kontrapunkte zur Alltagswelt: Ramadan, Opfer- und Zuckerfest, Pessach und Sabbat, Ostern, Heiligabend und Abendmahl.

Kontroverse Begegnungen entzünden sich hauptsächlich an den machtpolitischen Auseinandersetzungen um Moscheebauten und den öffentlichen islamischen Gebetsruf, um Kopftuch und islamischen Religionsunterricht.

Es kann und soll nicht bestritten werden, dass diese Fragestellungen und Themen wichtig sind

Es soll allerdings gefragt werden, wie theologischen Themen und religiöse Traditionen verwoben und verflochten sind in den banalen Alltag der Menschen.

Fragt man Jugendliche nach dem „christlichen Alltag“, dann wird schnell deutlich, dass der christliche Alltag auf Gottesdienste am Sonntag, eventuell auf Morgen- und Abendgebete, Gebete vor dem Essen, auf kirchliche Feiern und christliche Feste beschränkt ist. Es gibt nach wie vor eine starke Tradition der Trennung von Alltag und christlichem Glauben im Sinne einer Zwei-Reiche-Lehre. Das eigentlich Christliche und der uneigentliche Alltag werden voneinander getrennt.

Werden muslimische Jugendliche gefragt, dann wird sichtbar, dass es keine Trennung zwischen Religiösem und Profanem gibt. Muslime fragen vor und bei jeder Handlung, ob sie Gott, der barmherzig ist, gefällt, sogar den Beischlaf beginnen sie in Namen Allahs des Barmherzigen. Allerdings würde der türkische Junge, der stiehlt, das nicht im Namen Allahs tun. So hat jeder Aspekt des Lebens mit der Gegenwart des Einen zu tun.

Ungetrübte christliche Wahrheitserkenntnis entwickelt sich nicht aus dem Alltag, sondern setzt sich gerade vom banalen Alltag ab. Das Alltägliche hat einen schlechten Ruf, es ist routiniert - meint man, banal, es verhindert eher das Leben als es zu fördern, eigentliches Leben beginnt erst, indem man dem Alltag entflieht. Christliche Theologen sind spezialisiert auf den Sonntag. Da der Sonntag der Tag des Herrn ist, ist der Alltag bestimmt durch die Abwesenheit Gottes. Er ist nicht nur langweilig und banal, er ist auch gottfern und todverfallen. Wissenschaftler setzen sich gezielt vom Alltag und den dort vorherrschenden Meinungen ab im Interesse einer höheren, ungetrübten Wahrheitserkenntnis.

In interreligiösen Begegnungen sollen die verachteten nahe liegenden Dinge erstgenommen werden. Umwertung der Werte heißt dann heute vor allem, die von den Theologen, Philosophen und Aufklärern verachteten nahe liegenden Dinge ernst zu nehmen. Denn nicht die großen Ideen alleine sind entscheidend, sondern die kleinste Welt. In den alltäglichen Lebensweisen der Menschen sind religiöse, kulturelle, politische und ökonomische Traditionen und Werte eingeflossen und ihnen oft verborgen und unbewusst vorhanden. In den regionalen und lokalen Erfahrungen vor Ort spiegeln sich nationale und internationale Probleme. Essen und Trinken, Kleidung, Wohnen, Kaufen und Verkaufen, Werbung, Musik... in diese alltäglichen Lebensvorgänge sind religiöse Traditionen aufgesogen worden. Es gibt ein wechselseitiges Beziehungsgeflecht und Netz zwischen Elementen des Alltäglichen, der Lebenswelt und den religiösen und theologischen Dimensionen, die sich in ihnen widerspiegeln und in einer tieferen Ebene verborgen sind.

Der Alltag und die Praxis des Alltags sind nichts Höhlenhaftes, Beschränktes und Routiniertes, sondern die Stätte der Sinngebung. Sinn wird dann nicht aus einer anderen Welt bezogen. Sinn erschließt sich im Alltag in der Bewegung (im Gehen) und in der Begegnung. Unalltägliches ist dem Alltag eingraviert, die Folie des Nicht -Alltäglichen ist dem Alltag selbst unterlegt. Das ganz Andere beginnt im Alltag, nicht jenseits des Alltags, denn der Alltag wird zum Abenteuer an den Schnittstellen, Verknüpfungen, Übergängen und Brüchen, die ihn durchziehen und kreuzen. Konfrontationen mit Krankheit und Tod, Erfahrungen überwältigenden Glücks können sich alle Tage ereignen. Es kann Ungewöhnliches im Gewöhnlichen, Unvorhergesehenes im Vorhergesehenen und Ungeregeltes im Geregelten entdeckt werden. Alltag und religiöse Traditionen müssen nicht erst durch pädagogische Anstrengungen verbunden werden, die Art der Wahrnehmung des Alltags muß sich ändern. Das Tägliche, das jeder kennt, mit dem jeder umgeht und das keiner ergründet, ist in den engen Grenzen wohlvertrauter Unbekanntheit eingelassen, wohlvertraut und doch unbekannt.

Die ersten Fragen der Menschen „Was esse und trinke ich?“, „Was ziehe ich an?“, „Wo und wie wohne ich?“, „Wovon bestreite ich meinen Lebensunterhalt?“ sind untrennbar verflochten mit den sogenannten letzten Fragen nach Sinn und Gerechtigkeit, nach Leben und Tod, Glück und Unglück und nach Gott.

Nichts Besonderes ist dann das Religiöse, nichts Marginales, sondern vielmehr der Spezialfall eines Allgemeinen, eines allen Gemeinen, nämlich die Möglichkeit von einem individuellem Grundbedürfnis und Erlebnis mit einer Intensität betroffen zu werden, die eine allgemeingültige Darstellung erfordert. Grundbedürfnisse und Urszenen aus dem Alltagsleben kehren so in allen Religionen wieder.

Nicht zuletzt durch den religiösen Kultcharakter der Konsum- und Warenwelt ist die Unterscheidung zwischen Alltag und Festtag längst hinfällig geworden. Man isst nicht nur, weil man Hunger hat, man kauft nicht nur Kleider, weil man sich anziehen muss. In den Waren als Kultgegenständen wird ein Begehren gestillt, das man eigentlich nicht durch Kaufen stillen kann. „Wandle unter den goldenen Bögen und betrete die Kirchen des Heiligen McDonald. Türsteher werden dich begrüßen und Ministranten dir zu Dienste sein. Alle sind zugelassen: jung und alt, arm und reich, Mann und Frau, schwarz und weiß, Gesunde und Krüppel, Verständige und Unverständige. Nimm dir deinen Fetisch - einen Burger, Pommes frites und die Cola. `Coke ist life´. `I´d like to give the world a Coke´. Ideologie und Utopie. Essen als Gottesdienst. Präsentische Eschatologie. `It´s a good time for a great day at Mc Donald´s.“

Ein türkisches Mädchen mit Kopftuch trägt dazu Jeans und Adidas-Turnschuhe. Auf der Internet-Seite von adidas, den `Heiligen Schuhen´ (Die Zeit, 30.3.00, Leben, 5) (www.adidas.com/bebetter) können Jugendliche ihre Sünden beichten und sofort Vergebung erlangen. Sie können auch ihren Erlösern begegnen.

Nehmen Religionen, christliche Kirchen und Moscheevereine diesen interreligiösen Kontext der Alltagserfahrungen wahr? Wie gehen sie mit ihm und mit den Menschen, die in ihm leben, um? Haben sie die Kraft, die Macht und den Einfluß den `Götzencharakter´ dieser Alltagswelt zu entlarven, ohne ihn nur moralisierend und rational zu kritisieren? Welche alltäglichen Gegenwelten können sie erlebbar machen?

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