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1. Einstimmung  

Die Menschen einer Kirchengemeinde sind vielfältig verwoben in die konkreten Probleme vor Ort, in die Organisationen und Struk­turen eines Stadtteils. Ihr alltägliches Leben beeinflusst das Gemein­deleben. Ihre Lebenswelt ist immer mit anderen geteilte Lebenswelt vor Ort, im Nahraum und in den Räumen so oder so gelebter Nachbar­schaft. Auch wenn sie eintauchen in die Welten medialer Vernetzungen, bleiben sie verbunden mit den Orten, an denen sie ganz real wohnen, anderen Menschen leibhaftig begegnen, mit ihnen von Angesicht zu Angesicht sprechen und befreiende oder unterdrückende Erfahrungen machen. Die wirklich wichtigen Kategorien, mit denen Menschen sich selbst, ihr Leben und die Welt verstehen, werden im Rückgriff auf den personal repräsentierten sozialen Nahbereich gebildet - auf etwas, was ein "Gesicht" hat. So ist Gemeinde "Parochie" im ursprünglichen Sinn und bedeutet Nachbarschaft, Ge­meinde der kurzen Wege. Jeder Mensch braucht konkrete Verknüp­fungen mit der Gemeinde und Gesellschaft, in der er lebt. Dort begeg­net er einem universalen Gott, der in Raum und Zeit Mensch wird und Dialekt spricht. Die Gemeinde vor Ort ist der Ausgangspunkt der lebendigen Kirche und Wurzel protestantischen Selbstbewusstseins. Sie hat eine Tendenz zum Dezentralen. Lokale Erfahrungen vor Ort sind beteiligungsorientiert, leben Traditionen und bieten Anschauung durch geteilte Praxis.
Das bedeutet aber nicht, ein romantisch verklärtes Idealbild nachbarschaftlicher Nähe und Gemeinschaft zu konstruieren. Die Frage ist al­ler­dings, wie Menschen die Lebenswelt und den Sozialraum im Stadt­teil wahrnehmen, wie sie befähigt werden, an der Gestaltung ihrer unmittelbaren Lebenswelt teilzunehmen, sich auf die Stadtteil- und Sozialraumgestaltung einzulassen und welche Bedeutung dabei ihr christlicher Glaube hat. Soziale, kulturelle, religiöse und poli­ti­sche Teilhabe kann nur verwirklicht werden, wenn keiner von den Teil­­habemöglichkeiten durch seine Herkunft, seine materiellen Res­sour­cen und seine Bildung ausgeschlossen wird. Dazu gehört die Erreich­barkeit vor Ort, an dem soziale Teilhabe ermöglicht werden soll. Selbst wenn eine Gemeinde in einer Art Parallelgesellschaft lebt und sich aus den Bereichen der sozialen Verantwortung zurückgezo­gen hat, bleibt sie in sie verflochten und bestätigt die in ihr vorhan­de­nen Strukturen.
Das im Folgenden vorgestellte Profil der Gemeinde im Gemeinwesen sucht bewusst den Ansatzpunkt des Engagements in der parochialen Orts­gemeinde in gelebter Nachbarschaft und sozialer Nähe. Das schließt Beziehungen und Kooperationen mit Menschen, Gemeinden und Initiativen im Kirchenkreis, in der Stadt, in Deutschland und im Ausland mit ein, die sich aus den Projekten vor Ort ergeben.    


2. Wurzeln des Projektes  

Die Evangelische Lukas-Gemeinde liegt im Norden Gelsenkirchens, in einem vom Bergbau geprägten Stadtteil mit 15.000 Einwohnern. Die Verantwortlichen der Gemeinde versuchten vor 50 Jahren - nach dem Modell "Kirche für andere" - Gemeinde in einem Bergarbeiterstadt­teil so zu leben, dass deutlich wurde, wie Alltagsleben und Glau­­bens­welt, kirchliche, soziale und politische Arbeit vor Ort zusam­men gehören. Die Pfarrer arbeiteten nach dem Vorbild der Arbei­terpriester ein Jahr auf der Zeche und lebten in einer Zechensiedlung mitten im Stadtteil. In der Dienstanweisung der Pfarrer hieß es und heißt es bis heute: "Im Bereich der Gemeinde haben die Pfarrer ihr besonderes Augenmerk auf die Situation der örtlichen Industriebe­triebe zu richten und zusammen mit Gemeindemitgliedern die Ver­antwortung der Christen im Wohnbereich, im Betrieb und im öffen­t­li­chen Leben wahrzunehmen." Bevor 1961 das Gemeindezen­t­rum gebaut wurde, haben sich die evangelischen Christen gefragt: "Was brauchen die Menschen im Stadtteil für ein menschenwürdiges Leben und welche Verantwortung trägt dabei die ev. Gemeinde?" Diese Frage ist bis heute die Leitfrage geblieben. 1961 baute die Ge­mein­de einen Kindergarten, ein Haus der offenen Tür, das Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum, eine Schule, Versammlungsräume für Grup­pen und errichtete eine Kirche als spirituelle Mitte - bewusst zugleich der größte Versammlungsraum des Stadtteils. Die Lukas-Kir­che sollte Sonntag und Alltag verbinden. Daher wurde der Kirchturm nach dem Modell eines Förderturms gebaut und zeigen die Fenster der Kirche zum Wohnviertel.
In den folgenden Jahrzehnten (70er bis 90er) waren die Mitarbei­ter/innen beteiligt an der Konzeptentwicklung der Gemeinwesenarbeit, die sie aus den konkreten Lebensbedingungen der Menschen im Stadtteil entwickelten. Nicht "Kirche für andere", nicht Men­schen, die für andere reden, war das Anliegen, sondern mit anderen ge­meinsam die Probleme des Alltags bewältigen. Die Menschen in der Gemeinde und im Stadtteil wollten die Fragen nach ihrer Lebens­qualität nicht nur den Politiker/innen, nicht nur Managern großer Unternehmen überlassen, sondern sie versuchten, selbst aktiv zu wer­den und zur Gestaltung ihres Stadtteils beizutragen. Menschen aus dem Stadtteil waren dabei alleine überfordert. Die Gemeinde stellte ihnen Räume, technische Geräte und Materialien, ihre Mitar­bei­ter/in­nen zur Verfügung, die die Prozesse bürgerschaftlichen Engagements begleiteten und berieten und damit in einen wechselseitigen Lernprozess eintraten.
Bürgerinitiativen zu Umweltproblemen, zur Modernisierung von Woh­nungen, zur Krise im Bergbau entstanden. Ein ökumenischer Ar­beits­kreis wurde gegründet, in dem Behinderte und Nichtbehin­der­te gemeinsam ihre Freizeit gestalten. Ein Seniorenzentrum mit Senio­ren­wohnungen wurde gebaut. Zum Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen wurde ein Runder Tisch gegründet. Men­schen entdecken dabei, was Menschen verschiedener Kulturen, Reli­gio­nen, verschiedener Generationen und unterschiedlicher politischer Über­zeugungen verbinden kann, ohne dass sie dabei ihre unterschied­lichen Traditionen und Prägungen aufgeben. Die Zusammenar­beit mit anderen Verantwortlichen führt nicht zum Verlust des ei­ge­nen Profils, sondern zu dessen Schärfung und Konkretisierung.
Die Rolle der Kirchengemeinde war die der Anregerin, Einladerin, Be­gleiterin und Mutmacherin. Die Frage nach der Bedeutung des christ­lichen Glaubens trat dabei nicht additiv zu den alltäglichen Lebensfragen hinzu, sondern vertiefte die Erfahrungen in der Le­bens­welt. In Besinnung, Kontemplation, Meditation und Gottesdiensten, in Fest und Feier - thematisch orientiert an dem jeweils ak­tu­ellen Problem - wurden die Abwehrkräfte und das Selbstbewusstsein der Menschen gestärkt. Gottesdienste sind dabei eher an der alltäglichen Lebenspraxis als an der Perikopenordnung orientiert. Psy­chische Anspannungen, wechselnde Stimmungen, Ängste, Frustra­tio­nen, Niederlagen und Ohnmachtserfahrungen können nur ausgehal­ten und verarbeitet werden, indem es Gelegenheit gibt zu Besinnung und Kontemplation, zu Distanz in Feier und Spiel, in denen Erfah­rungen verarbeitet werden können, die nicht sofort in Handeln umge­setzt werden müssen. So gehören Kultur und Soziales, Diakonie und Spiritualität zusammen.
Die Schließung der Zeche 2008 und der Kokerei führten zu einem Um­strukturierungsprozess im Stadtteil, der fast alle Lebensbereiche, Arbeiten, Wohnen, Freizeit und die Infrastruktur erfasst. Zu den größten noch existierenden Unternehmen gehören Erdölindustrie und ein Kraftwerk.
Nach einer Sozialraumanalyse treffen im Stadtteil niedrigster Bil­dungsstatus, niedriger sozialer Rang, hoher Bevölkerungsanteil von Kin­dern und Jugendlichen und höchster Anteil von Kindern und Ju­gend­lichen mit Migrationshintergrund (34% der Menschen) zusam­men und bedingen sich gegenseitig. Der Stadtteil gehört zu den Stadt­teilen mit Erneuerungsbedarf und zum Programmgebiet "Sozia­le Stadt". 2002 regten kath. und ev. Kirche gemeinsam an, eine Zukunftswerkstatt zu gründen, in der alle Akteure im Stadtteil gemeinsam überlegen, was sie dazu beitragen können, den Stadtteil lebens- und liebenswert zu gestalten. In verschiedenen Arbeitsgrup­pen arbeiten alle Kindergärten, Schulen, Religionsgemeinschaften, po­li­tische Parteien, Vereine und Unternehmen der Region zusam­men. Die Arbeitsgruppen sind thematisch orientiert an den Lebensbe­reichen der Menschen: Wohnen, Arbeiten, Bildung, Vernetzung und Stadtteilplanung.
2004 entwickelte sich aus der Zukunftswerkstatt der Verein "Bil­dungs­offensive Hassel", an dem sich die Kindergärten, Schulen und Re­ligionsgemeinschaften beteiligen. Bis heute ist die Bildungsoffen­sive in verschiedenen Projekten aktiv: Veranstaltungen zur Sprachför­­derung, interkulturelle Lese- und Spielfeste, Erzählbänke im Stadt­­teil, eine interkulturelle Bibliothek, Konzeptentwicklung einer Schu­le für alle im Stadtteil (www.boh-hassel.org). Menschen orga­ni­sie­ren sich im überschaubaren Nahbereich und lernen dabei das zu ge­stalten, was sie unmittelbar gestalten können in kleinen Einheiten, kurz­fristig verwirklichbaren Projekten und auf den regionalen Lebensraum bezogen.
Zu den strukturellen Veränderungen im Stadtteil kamen 2005 verän­der­te ökonomische Rahmenbedingungen der Kirche hinzu. Die Lu­kas­-Gemeinde stand vor dem Problem, aus finanziellen Gründen eine Kindergartengruppe und das Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum schlie­ßen zu müssen, was das Wegbrechen gewachsener sozialer Strukturen bedeutet hätte. In der Tradition der Gemeinwesenarbeit stell­ten sich die Menschen in der Gemeinde die Frage: Was brauchen die Menschen im Stadtteil zur Verbesserung ihrer Lebensbe­din­gun­gen? Ergebnis war: Nicht Rückzug aus der sozialen Verantwortung, sondern Ausbau sozialer Netzwerke ist notwendig. Der Strukturwan­del bietet nicht nur Risiken und Gefahren, er löst nicht nur Ängste aus, sondern eröffnet auch neue Chancen und Möglichkeiten.
Bisher stellte die Lukas-Gemeinde in der Tradition "Kirche für an­dere" oder "Kirche mit anderen" ihre Räume und Einrichtungen al­len Menschen im Stadtteil zur Verfügung, unabhängig von ihrer Religion und Konfession. Sie selbst ist Teil des Stadtteils und des Gemeinwe­sens. Daraus ergibt sich fast zwangsläufig die Vision einer geteilten Ver­antwortung. Die Frage ist, ob und wie die anderen Akteure im Stadtteil diese Vision teilen wollen. Die Geschichte der Gemeindearbeit als Gemeinwesenarbeit, der Strukturwandel im Ruhrgebiet, die veränderten ökonomischen Bedingungen führten 2006 zur Vision des Stadtteilzentrums Hassel, das nicht in alleiniger Trägerschaft der ev. Gemeinde steht, sondern von verschiedenen Akteuren im Stadtteil ge­meinsam getragen wird. Das Gemeindezentrum wird zu einem Stadt­teilzentrum weiter entwickelt, das von einer Bürgerstiftung getragen wird.    


3. Netzwerk Bürgerstiftung "Leben in Hassel"  

Für die Lebensqualität im Stadtteil sind verschiedene Akteure verantwortlich: Bürgerinnen und Bürger, Wirtschaftsunternehmen der Re­gion, Stadt und Politik, die Religionsgemeinschaften. Aufgabe ist es, unterschiedliche Lebenswelten zusammen zu bringen im Interesse der Menschen und ihrer Lebensqualität im Stadtteil und mit ihnen in einen gemeinsamen Lernprozess geteilter Verantwortung einzutreten. Aufgabe der Kirchen dabei ist Beziehungspflege und Menschenbildung, Begegnungen immer wieder neu anzuregen, eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens zu ermöglichen, den respektvollen Umgang auf Augenhöhe im Blick zu haben und bezogen auf die Kirche selbst: keine versteckten Ziele zu verfolgen (Sanierung der kirchlichen Gebäude durch die öffentliche Hand, nur Refinanzierung der Stellen, Abwälzen der sozialen Verantwortung), sondern ehrlich und transparent die eigenen Ziele zu formulieren (Teilhabe an dem Leben im Stadtteil in erlebbarer Nachbarschaft und auf den Sozialraum bezogen). Das gilt auch für die anderen Akteure (Stadt, Wirtschaft usw.). Ein Netzwerk-Leben zeigt, dass alles ineinander verschlungen ist und zueinander in Beziehung steht. Das zu entdecken, muss angeregt und gelernt werden.
Im Stadtteil gibt es ein ev. Gemeindezentrum, zu dem ein Familienzentrum, eine Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum, Versammlungsräume und eine Kirche gehören. Dieses Gemeindezentrum wird zu einem Stadtteilzentrum ausgebaut, das nicht von der ev. Kirche alleine getragen wird, sondern in geteilter Verantwortung von verschiedenen Akteuren. Seit 2006 existiert eine Konzeptgruppe, die aus dem Gemeindezentrum in ev. Trägerschaft ein Stadtteilzentrum in Trägerschaft einer Bürgerstiftung entwickelt. Zur Konzeptgruppe gehören Bürger/innen, Stadtplanungsamt der Stadt Gelsenkirchen, Diakonisches Werk Gelsenkirchen, Religionsgemeinschaften und verschiedene Beratungsbüros zur Qualifizierung des Projektes. Wenn eine Gemeinde mit anderen gemeinsam eine Vision geteilter Verantwortung entwickelt und sich auf den Weg macht, dann fällen ihr mehr Ermutigung und Unterstützung zu, als sie vorher hätte ahnen können. Am 14.9.2011 wurde die Bürgerstiftung "Leben in Hassel" gegründet, die das Stadtteilzentrum tragen wird. Es ist das Modell einer neuartigen Partnerschaft von Kirchen, Religionsgemeinschaften, Wirtschaft und Politik / Stadt auf der Basis bürgerschaftlichen Engagements. Zur Gründung der Stiftung mussten Mitglieder 50.000 Euro Stiftungskapital aufbringen. Potente Stifter beteiligten sich mit Beträgen von 10.000.- Euro. Mitglieder der Bürgerstiftung sind Bür­ger/innen, Wirtschaftsunternehmen, Banken, die Religionsgemeinschaf­­ten des Stadtteils, Diakonisches Werk. Wichtig war uns, dass sie als Mitstifter nicht nur Geld zur Verfügung stellen, sondern in­halt­lich langfristig in den Prozess eingebunden sind. Deshalb sind die verschiedenen Akteure in die Stiftung im Vorstand, Kuratorium und Beirat eingebunden. Jeder kann sich an der Stiftung nach seinen Möglichkeiten beteiligen. Daher war es der Projektgruppe wichtig, dass die Bürger/innen sich mit 100.- Euro - auch in Raten zahlbar - an der Bürgerstiftung beteiligen können. Bei der Gründungsversammlung kamen 120 000.- Euro Stiftungskapital und Spenden zusam­men. Die ev. Lukas-Gemeinde stellt Grundstücke und Gebäude des Gemeindezentrums der Bürgerstiftung in Erbpacht (ohne Erbpacht­zins) zur Verfügung. Sie selbst bleibt als Gründungsmitglied der Bürgerstiftung in der Verantwortung.
Seit 2011 gibt es das bundesweite Projekt "Kirche findet Stadt", das gemeinsam vom Diakonischen Werk der EKD und dem Deutschen Caritasverband getragen wird. Es untersucht die Rolle der Kirche als zivilgesellschaftlicher Akteur in Netzwerken der Stadtentwicklung und vernetzt konkrete Projekte der Kirche miteinander. Das Projekt "Bürgerstiftung Leben in Hassel" gehört zu den 12 ausgesuchten Regionalknoten in Deutschland (www.Kirche-findet-Stadt.de).    


4. Konkrete Bausteine des Stadtteilzentrums  

Das Gemeindezentrum der ev. Gemeinde eignet sich als Stadtteilzent­rum in besonderer Weise, weil es in ihm vorhandene Kommuni­ka­tionsstrukturen - Komm- und Geh-Strukturen - gibt und Kompe­tenz in der Zusammenarbeit zwischen haupt- und ehrenamtlichen Mit­arbeiter/innen. Im Stadtteilzentrum werden sonst getrennte Le­bensbereiche und getrennte Einrichtungen in Projekten inhaltlich und räumlich in Beziehung gesetzt und vernetzt.  

4.1 Offener niederschwelliger Marktplatz  
Im Stadtteilzentrum sollen die verschiedenen Gebäude und Einrichtungen in einem offenen Marktplatz mit Restauration und Kirche so miteinander verbunden werden, dass sie die Begegnungen zwi­schen Menschen unterschiedlicher Lebenslagen und Interessen ermöglicht. Es wird ein Begegnungsort sein, der Menschen nicht sofort auf ihre Interessen und Defizite festlegt oder gar reduziert. Dort können sich Menschen treffen und kennenlernen, ohne dass ihr jeweiliges konkretes Anliegen oder ihre Situation eine Begegnung verhindert. Von dem Bereich des Marktplatzes aus können die verschiedenen Einrichtungen, Kultur- und Beratungsangebote in Anspruch genommen werden:

-  Fortführung und Qualifizierung der offenen Kinder- und Jugendarbeit im Haus der offenen Tür,
-  Angebot und Vernetzung stadtteilrelevanter sozialer Beratungsdienste,
-  Restauration als Integrationsbetrieb mit Mittagstisch, Catering und weiteren Angeboten für Schulen, Kindertagesstätten und Bewohner/innen des Stadtteils,
-  Kulturveranstaltungen im Haus der offenen Tür und in der Kirche nach dem Konzept Kultur selber machen, in Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen,
-  Fahrradwerkstatt in Kooperation mit BP und der benachbarten Sekundarschule (Praktika; Lehrstellen),
-  Kirchraum als Ort interreligiöser und interkultureller Begegnung, spirituelle Mitte und größter Versammlungsraum des Stadtteils.

Der Raum Kirche wird architektonisch ertüchtigt, geöffnet und mit den benachbarten Einrichtungen (Familienzentrum, Schule, Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum) verbunden. Die verschiedenen Module des Stadtteilzentrums wurden von Beratungsfirmen und Handwerkskammern in Betriebs­wirt­schaft­lich­keits­­berechnungen für sechs Jahre auf ein tragfähiges Fundament gestellt. Das zum Stadtteilzentrum gehörende Familienzentrum und die Kirche bleiben zunächst in Trägerschaft der ev. Gemeinde. Das Gemeindezentrum wird seit März 2014 mit Mitteln aus dem Programm des Ministeriums für Städtebau "Initiative ergreifen" zum Stadtteilzentrum umgebaut. Die Kosten in Höhe von 4,5 Mio. Euro werden zu 80% vom Land, 10% von der Stadt und 10% von der Bürgerstif­tung getragen.
Konstitutiv für den Lernprozess, in dem Verantwortung bis in die Organisationsstrukturen geteilt wird, ist die gelingende Zusammenarbeit zwischen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen. Im Stadtteilzentrum werden neue Arbeitsstellen geschaffen. Zugleich sind die verschiedenen Einrichtungen darauf angewiesen, dass Ehren­amtliche Verantwortung übernehmen. In dem Balanceakt der Zusammenarbeit ist es wichtig, dass Ehrenamtliche nicht "ausgenutzt" werden, indem sie eine bezahlte Arbeitskraft ersetzen. Für einen respektvollen Umgang miteinander ist es daher nötig, dass Finanzierung und Haushalt des Projektes allen Beteiligten transparent und die Rolle und Bedeutung der Mitarbeitenden klar beschrieben ist. Hauptamtliche Mitarbeitende müssen dafür sen­sibilisiert werden, dass und wie sie Ehrenamtliche motivieren, binden und die Beziehung zu ihnen "auf Augenhöhe" pflegen. Für die verfasste Kirche bedingen die Modelle geteilter Verantwortung einen weitreichenden Lernprozess, weil sie es lernen muss, Macht und Einfluss zu teilen und zugleich ihre rechtlichen und organisatorischen Strukturen so zu ändern, dass Partizipationsmodelle auch formal möglich sind und nicht schon im Vorfeld verhindert werden. Von ihren Inhalten her sollte das der Kirche nicht schwer fallen, weil Diakonie (und damit Partizipation, vgl. 1 Kor 12) "Beruf der Kirche" ist.    


5. Die Spiritualität der Partnerschaft  

Folgende von den Kirchen in den Prozess eingebrachten Werte leiten das Projekt: Respekt in einer Gesellschaft der Geringschätzung - Solidarität in einer Welt der Konkurrenz Teilhabe in einer Ökonomie der privaten Bereicherung - Nachbarschaft in anonymer Globalisierung - Kultur selber machen in einer Zeit der Events und Festivalisierung - Einfaches Leben in einer Welt des Konsums - Gemeinschaft in einer Welt der Vereinzelung.
Eine Gemeinde, die sich dem Leben im Stadtteil und dem Sozialraum öffnet, entgrenzt sich nach außen und entdeckt zugleich neue inhaltliche Dimensionen ihrer bisherigen Arbeit. Sie entgrenzt sich nach innen: Gottesdienste, Amtshandlungen und Seelsorge werden neu konzipiert. Gottesdienste zu konkreten Themen im Sozialraum finden im öffentlichen Raum statt (Marktplatz, Zechengelände, Straßen). Taufen werden am Brunnen im Stadtteil, Trauungen in Gärten gefeiert. Auf der anderen Seite wird der Raum der Kirche als öffentlicher Kommunikationsraum entdeckt: Eine gemeinsame Ratssitzung der benachbarten Städte Gelsenkirchen und Herten zum Strukturwandel im Ruhrgebiet fand in der Kirche statt. Die Spi­ri­tu­a­li­tät des Kirchraumes beeinflusste Ablauf und Inhalt der Sitzung. Der Lebensraum "Kirche" steht mitten im Stadtteilzentrum Hassel. Er gehört nicht nur der Christengemeinde, sondern auch der Bürgerschaft. Er ist spiritueller und öffentlicher Raum, Kultur- und Schutzraum, Zuflucht und Asyl, Oase der Ruhe und Besinnung. In ihm werden konfessionelle und interreligiöse Gottesdienste gefeiert, finden Kulturveranstaltungen, Tagungen, Ausstellungen und Bürgerversammlungen statt. In ihm können Menschen erfahren, dass Sonntag und Alltag, Glauben und Lebenswelt zusammen gehören.
Jedes Projekt hat eine Spiritualität, eine Geisteshaltung, die Orte und Riten braucht. Eingeübt werden kann: Eine Spiritualität der Gastfreundschaft, die offen ist für Fremde und nicht auf Machterhalt der eigenen Gruppe bedacht ist. Eine Spiritualität der Solidarität und einer Subsidiarität, die dem Gemeinwohl dient und nicht so sehr auf Verbandsinteressen ausgerichtet ist, die Feindbilder und Vorurteile in Zusammenarbeit in einem gemeinsamen Projekt relativiert. Eine Spiritualität der Leidenden, die orientiert ist an den Lebensbedingungen der Ausgegrenzten. Eine Spiritualität, die weiß, dass Seele und Geist, Herz, Hand und Füße zusammen gehören. Eine Spiritualität, die sich in interreligiösen Gottesdiensten, Gebet und Meditation, in vielfältigen künstlerischen Formen äußert.
Die im Projekt "Kirche im Gemeinwesen" Beteiligten haben gelernt, dass das Projekt einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen ist, der von ihnen ein hohes Maß an Flexibilität erwartet. Dazu brauchen sie einen langen Atem und die Phantasie, neue Projekte zu kreieren. "Geteilte Verantwortung im Gemeinwesen" ist eben ein Prozess und kein fertiges Produkt, das macht ihren Reiz und ihre Problematik aus.    


Literatur  

Heinrich
, Rolf, Christliche Gemeinschaft leben. Formen, Perspek­ti­ven, Grenzen, Gütersloh 2001.
Heinrich
, Rolf, Gott im Gemeindealltag. Ansätze einer politischen Ge­meinde, in: Gerhard Linn (Hg.), Schritte der Hoffnung. Missi­o­narische Gemeindeinitiativen, Neukirchen-Vluyn 1999, 33-44; 69-77

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